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Plattform für Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Kanton Zürich


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Entwicklung der Rolle der Frau

von Barbara Schmid-Federer


Die alte Rollenverteilung[1], die für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts galt, nämlich der Mann als Verbindung von der Familie zur Aussenwelt und die Frau als emotions-orientiert, auf die Bedürfnisse der Familie ausgerichtet - hat ihre Grundlagen weitgehend verloren.

Viele Frauen reklamieren heute den Anspruch auf gleiche berufliche und soziale Entfaltungsbedingungen. Diese neue Vision der Geschlechter hat sich auf der intellektuellen Ebene in unserer Gesellschaft eingenistet, setzt sich aber klar in Widerspruch zu alten Verhaltensstrukturen, die fest verankert sind.

Im frühen 20. Jahrhundert waren den Frauen durch Gesellschaft, Kirche und Schule Leitplanken vorgegeben[2]. Dies erleichterte manche Bewältigung von Problemen, denn es gab eindeutige Richtlinien, Rituale und Traditionen, die für die Mehrheit galten. Eine Mutter, welche gerade durch die Mutterschaft einen sozial höheren Stellenwert erlangte, hatte ein traditionelles Netzwerk zur Verfügung, welches die Kinderbetreuung erleichterte.

Doch es gab auch grosse Probleme. Die frühere Rollenverteilung liess zum Beispiel keine Misserfolge zu. Wer also die vorgegebenen Leitplanken durchbrach, wurde unter Umständen gesellschaftlich ausgeschlossen. 

Bis in die 1950er Jahre hinein[3] verdienten die Männer in breiten Kreisen nicht genug, um den Lebensunterhalt für die ganze Familie zu sichern. Einkommenserwerb von Frauen und oft auch Kindern galt als normal.

Erst in der Hochkonjunktur der 1960er bis 1980er Jahre wurde in der Schweiz der Ehemann in weitesten Kreisen tatsächlich Alleinverdiener.

Durch das Fehlen einer Individualisierung war es der Frau der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr oft nicht möglich, eigene Vorstellungen der Kindererziehung anzuwenden.

(...)
Im internationalen Vergleich weist die Schweiz heute eine hohe Rate an Teilzeitstellen auf. Auch viele Mütter wählen den Weg, einen oder zwei Tage pro Woche zu arbeiten, wenn ihre Kinder klein sind. Die Gesellschaft ist diesem Modell gegenüber je länger mehr positiv eingestellt. Eine Mutter, die 40% arbeitet, müsste aber konsequenterweise auf anderen Gebieten entlastet werden: sie kann jetzt viele Dinge nicht mehr zu 100% erledigen: dazu gehören Haushalt, Wäsche, soziale Kontakte mit anderen Müttern, Pflegen der Kontakte zu Grosseltern, Teilnahme an Beerdigungen, Weihnachtsdinner für die Familie kochen, usw.
Alle aufgezählten Elemente gehörten früher eindeutig dem Bereich der Frau an. Viele Schweizer Frauen, welche einer Teilzeitstelle nachgehen, versuchen nach wie vor, alle „typisch weiblichen“ Tätigkeiten zu 100% zu erledigen. Damit sind sie oftmals überfordert. Gleichzeitig vernachlässigen sie sich selbst und geben sich kaum Zeit für die eigene Ruhe, die eigene Musse. Hier spielen die Männer eine entscheidende Rolle. Nach wie vor finden sich in weiten Teilen unseres Landes  - bis tief in die "links"-politisch verankerten Familien hinein - Familienväter, welche die traditionelle Rolle der Frau als unumgänglich hinnehmen und allfällige Veränderungen im Rollenverständnis niemals akzeptieren würden.

Die Gesellschaft akzeptiert also neu, dass die Mutter einer Teilzeitarbeit nachgeht (und der Vater nach wie vor 100% arbeitet), erwartet aber gleichzeitig, dass die Frauen die aufgezählten Elemente (Bsp. Kochen) weiterhin wahrnimmt. Hier ist ein grosses Spannungsfeld vorhanden.

Noch grösser ist dieses Spannungsfeld bei Müttern, die eine 100% Stelle bewältigen. Diese Frauen stossen in weiten Teilen der Deutschschweiz auf Unverständnis bis sogar Ablehnung. Sie haben es leichter, wenn sie in einem urbanen Umfeld leben oder aber in einer internationalen Nachbarschaft wohnen. Amerikanerinnen, Engländerinnen oder Französinnen beispielsweise erachten die Vollzeitarbeit mit Mutterschaft mehrheitlich als normal. Wenn Mütter mit einer 100% Stelle jeweils kritisiert oder gar ausgrenzt werden (!), kommt mir immer spontan in den Sinn, dass:

1. meine Urgrossmutter wahrscheinlich nicht sehr viel Zeit für ihre 12 Kinder hatte, dass sie aber dafür nicht gerügt wurde. Niemand erwartete von ihr, dass sie mit den Kindern einen Spielplatz aufsuchte. Sie konnte die Kinder stundenlang draussen spielen lassen (heute nicht mehr möglich) und hatte Tanten für die Mitbetreuung der Kinder im Haus. Das Grossfamilienleben damals war sehr streng. Das Einkaufen oder das Kleiderwaschen waren – ohne Auto und Waschmaschine – ein zeitaufwändiges Unternehmen, welches wenig Spielraum für Spiele mit Kindern zuliess.

2. Was mir bei der Kritik an Müttern mit einer 100% Stelle ebenfalls in den Sinn kommt: ich kenne nicht wenige Hausfrauen, die ihre Kinder ständig „über“-kontrollieren und eindeutig „überbehüten“. Die einzige Lebensaufgabe solcher Frauen ist das Gedeihen und der Erfolg der Kinder. Auf diesen Kindern lastet dann stets ein grosser Druck, zu reussieren, während sich die spätere Trennung von der Familie als schwierig erweist. Überbehütete Kinder lernen kaum, Probleme selber zu lösen, da die Mutter ihnen jeden „Stein aus dem Weg nimmt“.  Die gleichen Frauen tendieren dazu, ihre Kinder im Vergleich zu anderen zu erziehen und fremde Kinder ständig zu kritisieren.

3. Der dritte Gedanke, der mir bei der Kritik an berufstätigen Frauen in den Sinn kommt: angesehene Familien engagierten früher Ammen und Kindermädchen. Kaum jemand hätte eine solche Fremdbetreuung früher als Übel betrachtet.  

(...)

Vor der Geburt meines 1. Kindes lebte ich in der Welt der erfolgreichen Akademikerin, welche von allen Seiten unterstützt und gefördert wurde. Der Aufbau des gesellschaftlichen und beruflichen Netzwerkes ging rasch voran. 

Bei Geburt des ersten Sohnes wurde ich ohne Vorwarnung und ohne Vorbereitung von dieser Welt abgeschnitten. Keine einzige meiner Freundinnen hatte Kinder (ich war 29 Jahre alt). Kaum war das Kind da, wurden von aussen verschiedene Erwartungen an mich gestellt. Für die Kollegen war klar, dass ich wieder arbeiten werde, für andere war klar, dass ich nun als Hausfrau arbeiten werde.

Als das Kind da war, setzte neben der grossen Freude auch ein gewisser Kulturschock ein. Die erhöhte Wertschätzung, welche einer Mutter früher automatisch zukam, blieb einfach aus. Ich verlor in kurzer Zeit einen Grossteil meiner Freundschaften. Meine Kolleginnen wollten weiterhin ausgehen und kulturelle Abende geniessen. Ich konnte dies nicht mehr. Andere Mütter kannte ich nicht und die Ratschläge von Mutter und Schwiegermutter schienen mit meiner eigenen Realität nicht immer vereinbar zu sein. Die Nachbarn meldeten sich nur, wenn das Schreien des Babys ihre Ruhe störte. Die Hilfe durch die Grosseltern des Kindes war möglich, allerdings mit einem organisatorischen und auch emotionalen Aufwand verbunden. Das Kind zu den Grosseltern zu bringen, war mit anstrengenden Anfahrten verbunden. Grosseltern sind heute nicht mehr automatisch vorhanden. Auch Grosseltern wollen und sollen sich heute verwirklichen können.

Inzwischen weiss ich, dass meine Situation damals eine typische Situation für viele Mütter meiner Generation ist und war. Eine Situation, welche übrigens nicht wenige kinderlose Frauen dazu bewegt, keine Kinder zu kriegen. Sie beobachten die jungen Mütter und wollen sich solches nicht antun.

Ich begann, an mir selber zu zweifeln und merkte rasch, dass in anderen Kulturen durchaus andere Lösungsmodelle zu finden wären:

Hierzu ein Zitat von einem Mann aus Afrika:

„Bei euch muss sich eine Frau wehren, wenn sie einmal eine Stunde ohne ihr Baby sein will. Bei uns muss sich eine Frau wehren, damit sie ihr Kind einmal eine Stunde lang für sich haben kann“.

Für mich ist heute klar, dass keine Frau, bzw. kein Elternpaar alleine Kinder aufziehen sollte. Kinder brauchen immer mehrere Bezugspersonen. Früher waren dies Grosseltern, Tanten, Nachbarn oder eben Mitglieder aus der Sippe. Denken wir nur an das frühere Dorfleben. Jeder hatte seinen Platz, jeder spielte seine Rolle aber man gehörte zusammen.

Wenn diese erweiterten Bezugspersonen heute zu einem grossen Teil fehlen, darf ruhig die Frage gestellt werden, warum Krippen oder Horte nicht diese Funktion übernehmen sollten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Lösung weit besser ist als z.B. die Lösung der bereits beschriebenen Mutter mit Tendenz zum Überbehüten. Gerade das Zitat aus Afrika zeigt mir, dass diese Einzelbetreuungslösung keine ideale Lösung ist.

Ebenfalls aus Afrika: „Es braucht ein ganzes Dorf um ein Kind grosszuziehen“.

Die Kinderbetreuung ist heute zur Privatsache geworden; die Eltern sollen selber dafür sorgen. Das Dorf ist sozusagen verschwunden. Waren früher andere Personen automatisch als Kinderbetreuung vorhanden (Bsp. Ältere Geschwister der Kinder oder Grosseltern), gehen diese heute vielleicht auf Reisen oder sie geniessen eine ausgedehnte Freizeit. Der Einzelne entscheidet für sich selbst. [4] Kinder passen aber nur bedingt gut in eine Gesellschaft, die sich alle Optionen freihalten möchte. Wenn also das Netzwerk ausblieb, fühlte ich mich als Mutter von der Gesellschaft im Stich gelassen.

Und diese Erkenntnis bewog mich schliesslich dazu, in die Politik einzusteigen.
 
Trotz des gängigen Bildes, die Familie habe heute ausgedient, heiratet weiterhin 90 Prozent der Bevölkerung Europas im Verlauf des Lebens.[5] Auch unter den Jugendlichen wird die Familie bei weitem als Lebensform bevorzugt. Gleichzeitig wird in den meisten wissenschaftlichen Berichten zum Thema „Familienpolitik“ klar prognostiziert, dass es immer mehr Frauen geben wird, die keine Wahl mehr haben werden. Sie werden aus finanziellen Gründen arbeiten müssen, um ihre Familie miternähren zu können. Dies bedeutet konkret, dass die Familie weiterhin erwünscht ist, dass die traditionelle Familie mit der Mutter im Haus aber je länger je weniger unseren Familienalltag prägen wird.


[1] Studie Prof. Perrez, Universität Fribourg, 02/95 / T. Parson[2] Büchi[3] Caritas, „engagiert“, 3/2003[4] Guido Kalberer, Tages-Anzeiger vom
22. März 2006 [5] Guy Bodenmann und Alexandra Rumo, 03/02, Uni Fribourg.

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14. Juli 2011 ©  Barbara Schmid-Federer